Honda WN7 im Test

Was kann das erste Elektro-Motorrad von Honda?

Honda WN7 im Test Fotos: Motorradtest.de
 
Die Honda WN7 ist so ein Motorrad, bei dem man beim ersten Kontakt kurz innehält und denkt: Okay, jetzt wird es ernst. Nicht, weil sie mit wildem Raketen-Design, blinkenden Lichtleisten oder übertriebenem Zukunftsgehabe um Aufmerksamkeit bettelt. Sondern eher, weil sie ziemlich normal wirkt – und genau das ist vielleicht der spannendste Punkt.
 

Hondas erstes Elektro-Nakedbike fährt leise, aber nicht langweilig

Honda bringt mit der WN7 sein erstes vollwertiges Elektromotorrad an den Start, und statt daraus eine rollende Science-Fiction-Requisite zu machen, stellen die Japaner ein Nakedbike hin, das auf den ersten Blick einfach nach Motorrad aussieht. Nur eben ohne Auspuff, ohne Kupplung, ohne Benzingeruch und ohne dieses kleine Motorvibrieren, das viele von uns seit Jahren automatisch mit Fahren verbinden.

Die Eckdaten klingen dabei durchaus selbstbewusst: 50 kW maximale Leistung, 100 Nm Drehmoment, rund 140 Kilometer zertifizierte Reichweite, ein 9,3-kWh-Akku und DC-Schnellladen von 20 auf 80 Prozent in etwa 30 Minuten. In Deutschland nennt Honda einen Preis von 14.780 Euro, in Großbritannien liegt die WN7 bei 12.999 Pfund. Das ist kein Schnäppchen, aber im Feld der ausgewachsenen Elektromotorräder auch kein Mondpreis. Die WN7 will keine günstige Pendlerkiste sein, sondern ein richtiges Motorrad für Leute, die elektrische Mobilität ernst nehmen, aber trotzdem nicht auf Fahrspaß verzichten wollen.

Erster Eindruck: Schlank, sauber, ziemlich Honda

Optisch fährt die WN7 eine angenehme Linie zwischen modern und bodenständig. Der Look ist clean, die Front mit den kompakten LED-Doppelscheinwerfern wirkt eigenständig, aber nicht albern, und die schlanke Silhouette passt gut zur Idee eines urbanen Nakedbikes. Besonders interessant ist der Aufbau: Die Batterie sitzt nicht einfach irgendwo im Rahmen, sondern übernimmt selbst eine tragende Rolle. Viele Teile sind direkt an das Batteriegehäuse angeschraubt. Das klingt technisch trocken, sorgt aber dafür, dass die WN7 trotz ihres Elektroantriebs nicht wie ein übergewichtiger Akkuklotz aussieht.

Die Verarbeitung macht einen sehr soliden Eindruck. Typisch Honda eben: nichts wirkt hingeschustert, nichts schreit nach Startup-Prototyp, und die Bedienung ist auf den ersten Blick logisch. Das 5-Zoll-TFT-Display ist klar ablesbar, bietet eine eigene WN7-Oberfläche und lässt sich mit Honda RoadSync koppeln. Dazu kommen Smart Key, LED-Beleuchtung, selbstabschaltende Blinker, Emergency Stop Signal und eine USB-C-Buchse. Klingt nach viel Ausstattung, fühlt sich aber nicht nach digitalem Overkill an. Man steigt auf, schaut kurz aufs Display und weiß ziemlich schnell, was Sache ist.

Farbauswahl der Honda WN7. Drei zurückhaltende Farbgebungen stehen zur Auswahl.

Farbauswahl der Honda WN7. Drei zurückhaltende Farbgebungen stehen zur Auswahl.
 
 

Sitzposition und Handling: Kein Raumschiff, sondern Motorrad

Mit 800 Millimetern Sitzhöhe liegt die Honda WN7 in einem angenehm normalen Bereich. Man sitzt leicht nach vorn orientiert, aber nicht sportlich zusammengefaltet. Die Knie sind nicht zu stark angewinkelt, der Lenker liegt gut in der Hand, und insgesamt vermittelt die Maschine schnell Vertrauen. Beim Rangieren merkt man die rund 217 Kilogramm zwar, vor allem wenn man sie aus einer engen Parklücke schiebt, aber Honda hilft hier clever nach: Es gibt eine Vorwärts- und Rückwärts-Rangierhilfe mit Schrittgeschwindigkeit. Das ist keine Spielerei, sondern im Alltag tatsächlich praktisch – besonders, weil E-Motorräder durch den fehlenden Leerlauf und das andere Ansprechverhalten beim Schieben manchmal etwas ungewohnt sein können.

So sitzt man auf der WN7. Eigentlich wie auf einem ganznormalen Nakedbike.

So sitzt man auf der WN7. Eigentlich wie auf einem ganznormalen Nakedbike.

 

Cockpit Honda WN7 Honda WN7 Licht vorne Honda WN7 Licht hinten

Fahrmodi, Rekuperation und Elektronik

Honda spendiert der WN7 vier Fahrmodi: Sport, Standard, Rain und Econ. Dazu kommen mehrere Stufen für die Verzögerung beziehungsweise Rekuperation, die sich über Bedienelemente am Lenker anpassen lassen. In der Praxis ist das mehr als ein Datenblatt-Feature. In der Stadt kann man die Rekuperation stärker einstellen und fährt dann mit deutlich weniger Bremseneinsatz. Auf der Landstraße darf es etwas freier rollen. Sport schärft die Gasannahme, Econ beruhigt alles und hilft, Reichweite zu sparen. Rain nimmt die Sache erwartbar sanfter, wenn der Asphalt nass oder kalt ist.

Mit an Bord sind außerdem Honda Selectable Torque Control, Kurven-ABS und ein Geschwindigkeitsassistent. Das Paket passt zur Zielgruppe: Die WN7 soll nicht nur erfahrene Elektro-Fans abholen, sondern auch Umsteiger, Pendler und A2-Fahrer. Für A1-Führerscheininhaber ist zudem eine 11-kW-Variante vorgesehen. Gerade diese Abstufung ist clever, weil sie die WN7 nicht nur als Premium-Spielzeug positioniert, sondern als Baureihe mit mehreren Einstiegsmöglichkeiten.

Einarmschwinge der Honda WN7 mit Riemenantrieb Einarmschwinge der Honda WN7 mit Riemenantrieb
 
 

So fährt sie sich

Sobald die WN7 rollt, kaschiert sie ihr Gewicht ziemlich gut. Der Schwerpunkt wirkt niedrig, das Motorrad kippt sauber in Kurven und lässt sich in der Stadt easy durch den Verkehr dirigieren. Die 17-Zoll-Räder, die Upside-down-Gabel vorn und der Pro-Arm mit Monoshock hinten liefern ein Fahrgefühl, das vertrauter ist, als man es von einem ersten großen Elektromotorrad erwarten würde. Das ist vielleicht der größte Trick der WN7: Sie fühlt sich nicht wie ein Experiment an. Sie fühlt sich an wie ein Honda-Nakedbike, das zufällig elektrisch fährt.

Antrieb: Sofortdruck statt Drehzahl-Drama

Der Elektromotor liefert maximal 50 kW, also rund 67 PS, und satte 100 Nm Drehmoment. Auf dem Papier klingt das nach solider Mittelklasse. Auf der Straße fühlt es sich aber deutlich direkter an, weil das Drehmoment sofort da ist. Keine Kupplung, kein Gangwechsel, kein Warten auf den richtigen Drehzahlbereich. Einfach Gas auf – oder besser gesagt: Strom auf – und die WN7 zieht los. Der Sprint von 0 auf 50 Meter soll in 3,9 Sekunden gelingen, und im Alltag reicht der Antritt völlig, um Ampelstarts, Überholmanöver und kurze Zwischenspurts mit einem breiten Grinsen zu erledigen.

Was dabei fehlt, ist das klassische Geräusch- und Schalt-Spektakel. Wer Motorradfahren vor allem über Sound, Vibrationen und mechanisches Arbeiten definiert, muss sich umgewöhnen. Die WN7 rauscht eher nach vorn, begleitet von leisem Surren, Reifenabrollen und Windgeräuschen. Das kann anfangs fast irritierend sein, wird aber schnell ziemlich lässig. Man nimmt die Umgebung stärker wahr, fährt entspannter und merkt trotzdem, dass Leistung da ist. Es ist nicht besser oder schlechter als ein Verbrenner – es ist einfach anders. Und genau dieses Anderssein macht den Reiz aus.

Lithium-Ionen Akku mit 9,3 kWh Kapazität Lithium-Ionen Akku mit 9,3 kWh Kapazität
 

Reichweite und Laden: Alltag ja, große Tour eher mit Planung

Die zertifizierte Reichweite von 140 Kilometern klingt für ein Elektromotorrad ordentlich, aber man sollte ehrlich bleiben: Für ausgedehnte Wochenendtouren ohne Ladeplanung ist das nicht die perfekte Maschine. Wer regelmäßig 250 Kilometer am Stück abreißen will, wird mit einem Benziner weiterhin entspannter leben. Für den Alltag sieht die Sache anders aus. Pendelstrecken, Stadtverkehr, Feierabendrunde, kurze Landstraßenhatz – dafür reicht die Batterie in vielen Fällen locker. Und wer zu Hause laden kann, startet morgens immer mit vollem Akku. Das ist ein Komfort, den man bei Verbrennern gern übersieht, weil man sich so an Tankstellen gewöhnt hat.

Richtig stark ist die CCS2-Schnellladefähigkeit. Von 20 auf 80 Prozent soll es in rund 30 Minuten gehen. Das ist genau die Art von Feature, die ein Elektromotorrad alltagstauglicher macht. Mal eben einen Kaffee, kurz aufs Handy schauen, und schon ist wieder genug Reichweite drin. An einer Wallbox dauert die Vollladung unter drei Stunden, an der normalen Steckdose entsprechend länger. Entscheidend ist: Die WN7 nutzt Infrastruktur, die viele E-Autofahrer schon kennen. Das nimmt dem Thema Elektro-Motorrad ein Stück Exotik.

4-Kolben Festsattel Bremsen von Nissin auf 296er Doppelscheiben

4-Kolben Festsattel Bremsen von Nissin auf 296er Doppelscheiben
 

Komfort und Bremsen: Solide, aber nicht perfekt

Beim Komfort zeigt sich die WN7 ordentlich, aber nicht luxuriös. Das Fahrwerk wirkt straff genug für zügige Kurven und gleichzeitig nicht unnötig hart in der Stadt. Auf schlechten Straßen merkt man natürlich, dass die Honda kein Tourer ist. Auch Windschutz gibt es praktisch nicht – Nakedbike bleibt Nakedbike. Wer längere Autobahnetappen fahren will, muss mit Druck auf Brust und Helm leben. Der Sitz dürfte je nach Geschmack ebenfalls polarisieren. Für kurze und mittlere Strecken passt er, auf längeren Ausfahrten könnte man sich etwas mehr Polster wünschen.

Die Bremsanlage mit zwei 296-mm-Scheiben vorn und einer 256-mm-Scheibe hinten arbeitet unauffällig gut. Das klingt unspektakulär, ist aber ein Lob. Gerade bei Elektrofahrzeugen muss die Abstimmung zwischen mechanischer Bremse und Rekuperation passen, sonst wirkt das Verzögern künstlich oder hakelig. Die WN7 macht hier einen sauberen Job. Man kann entspannt im Verkehr mitschwimmen, aber auch sportlicher ankern, wenn es sein muss. Das Kurven-ABS gibt zusätzliche Sicherheit, ohne sich ständig aufzudrängen.

Dank Einarmschwinge: So schick kann ein Hinterrad aussehen

Dank Einarmschwinge: So schick kann ein Hinterrad aussehen
 

Was nervt?

Natürlich ist nicht alles Gold, was leise surrt. Erstens bleibt die Reichweite der entscheidende Kompromiss. 140 Kilometer sind im Alltag okay, aber wer spontan weite Strecken fährt, muss planen. Zweitens ist der Preis hoch genug, dass man sich sehr bewusst für das Elektro-Konzept entscheiden muss. Für 14.780 Euro bekommt man bei Verbrennern sehr attraktive Motorräder mit mehr Reichweite, mehr Ausstattung oder mehr Leistung. Drittens ist die Höchstgeschwindigkeit von rund 129 km/h zwar ausreichend, aber nicht wirklich autobahnfreundlich, wenn man dauerhaft schnell unterwegs sein will. Und viertens fehlt manchen einfach das emotionale Theater eines Verbrenners. Kein Blubbern, kein Hochdrehen, kein Schalten – das muss man mögen.

Was begeistert?

Gleichzeitig hat die WN7 echte Highlights. Der Antritt ist herrlich direkt, die Ruhe beim Fahren überraschend angenehm, die Verarbeitung stark und das Handling deutlich vertrauter, als man es bei einem neuen Elektro-Konzept erwarten würde. Der Riemenantrieb reduziert Wartung und Geräusch, die Schnellladefunktion macht das Motorrad deutlich flexibler, und die Elektronik ist sinnvoll statt überladen. Dazu kommt das Gefühl, ein Motorrad zu fahren, das nicht wie ein halbfertiger Blick in die Zukunft wirkt, sondern wie ein serienreifes Produkt eines Herstellers, der weiß, wie man Zweiräder baut. 

Fazit: Nicht für alle, aber wichtiger als viele denken

Die Honda WN7 ist kein Motorrad, das jeden Verbrenner-Fan sofort bekehren wird. Dafür sind Reichweite, Preis und das fehlende klassische Motor-Erlebnis zu klare Gegenargumente. Aber sie ist ein erstaunlich überzeugender erster großer Elektro-Aufschlag von Honda. Sie fährt sauber, direkt, hochwertig und alltagstauglich, ohne sich als rollendes Technik-Demo aufzuspielen. Wer hauptsächlich pendelt, kurze bis mittlere Strecken fährt, zu Hause laden kann und Lust auf ein neues Fahrgefühl hat, sollte die WN7 definitiv ernst nehmen.

Am Ende ist die WN7 weniger Revolution mit Feuerwerk als vielmehr ein ziemlich cleverer Realitätscheck. Honda sagt nicht: Vergesst alles, was ihr über Motorräder wisst. Honda sagt eher: Hier ist ein Motorrad, das vieles von dem kann, was ihr mögt – nur eben elektrisch. Und genau deshalb funktioniert die WN7 besser, als man vielleicht erwartet. Sie ist leise, aber nicht langweilig. Vernünftig, aber nicht brav. Neu, aber nicht fremd. Kurz gesagt: ein spannender Schritt in eine Zukunft, die sich plötzlich gar nicht mehr so weit weg anfühlt.

Das Testbike wurde uns von "motofun", einem großen Honda-Händler in Kaltenkirchen nördlich von Hamburg zur Verfügung gestellt. Wer mit dem Gedanken spielt, sich eine neue Honda zuzulegen, ist dort herzlich zu einer Probefahrt aller möglichen Modelle eingeladen. Bei motofun.de gibt es übrigens auch viele tolle gebrauchten Maschinen im 1. Stock - Sehenswert!

Preis/Verfügbarkeit/Farben/Baujahre

  • Preis: 14.780 €
  • Verfügbarkeit: seit 07/2026
  • Farben: Grau, Schwarz, Schwarz mit Kupfer und Grau
An unhandled error has occurred. Reload 🗙