KTM 690 SMC R

KTM SMC R 690 (Baujahr 2019)

Völlig überflüssig

image

Es gibt kaum ein Motorrad, welches weniger Alltags-Nutzen bietet als die KTM SMC R 690. Klasse! Hat sie auch Nachteile? Der Test findet es heraus.

Alles, was stört, kommt ab

Meine Güte, sieht das Ding fies aus. Reduziert bis zum Geht-nicht-mehr, einmal Motorrad ohne alles. In dem coolen Rahmen hängt der Tank hinten, ist quasi mittragendes Element. Dazu gibt es eine Lenkstange sowie eine Sitzbank mit einer Polsterung dünn wie Carpaccio. Und ein Cockpit. Hah, Cockpit? Was ist das denn? Irgendwas anzeigen wird das Dingens schon, aber alles unwichtiger Kram. Dafür entfallen etwa Ganganzeige und sogar der Drehzahlmesser, man will den Fahrer nicht unnötig ablenken.

Alles, aber auch alles an der KTM SMC R 690 schreit, dass sie einen wilden Reiter sucht. Sie gilt mit ihrer Leistung von 75 PS und dem schmalen Gewicht von 159 Kilo unter ihren Fans als Supersportler unter den SuperMotos. Richtig? Falsch. Kurzer Ausflug zur SuperMoto: Ursprünglich stammt die Bewegung aus Frankreich, und es ging dabei erst mal nicht um Rennen, sondern um das ideale Stadtmotorrad. Enduros waren handlich, aber weder von den großen Rädern noch Stollenreifen her stadttauglich. Also wurden sie auf kleinere Felgen mit Straßenreifen gestellt. Das mit dem Rennfahren kam später, hier dient ein Mischkurs aus meistens 70 bis 80% Asphalt, der Offroad-Anteil beträgt 20 bis 30%.

imageimageimage

Leider nicht so echt wie gewünscht

So, und nun? Nun korrigieren wir mal den Satz da oben, denn die KTM SMC R 690 möchte gern der King im Ring und Supersportler unter den straßenzugelassenen SuperMotos sein. Ob sie das ist, werden wir noch herausfinden. Auf jeden Fall ist sie so, wie sie vom Händler kommt, zu weich gefedert und zu schwach, um in einem ernsthaften Rennen zu bestehen. Wird sie als reine Rennmaschine vermarktet, wäre das eine Mogelpackung.

Aber das macht nichts. Ihre Konkurrenten beispielsweise von BMW (jaja, man glaubts nicht...) G 650 Xmoto und natürlich die Ducati Hypermotard würden auf der Rennstrecke im Serientrimm ebenfalls alt aussehen.

Trotzdem ist eines richtig: Die KTM ist die purste Version einer Supermoto. Sie ist mit 159 Kilo sehr leicht, besitzt den stärksten Einzylinder der Welt, ist hoch und schmal gebaut sowie spartanisch ausgestattet. Ein Sozius (m / w / divers) ist nicht vorgesehen, dafür wurde der Radstand konsequent auf nur 1,46 Meter gekürzt.

Gibt's von der KTM was zwischen die Hörner? Mal los jetzt.

image

Handlich wie keine Zweite

Erste Überraschung: Trotz einer Sitzhöhe von immerhin 890 Millimetern (Absenkung auf 840 möglich) kommen auch Kurzbeinige dank der sehr schmalen Sitzbank gut mit den Füßen auf den Boden. Die Sitzbank selbst ist auf Dauer (diese ewig strapazierte Dauer muss dazu nicht mal besonders lang sein) unkomfortabel, weil sehr hart. Dass die KTM SMC R 690 auch nur ansatzweise ein Reisemotorrad sein könnte, würde nun wirklich niemand behaupten.

Dass im Cockpit der Drehzahlmesser fehlt ist egal, da man sowieso nichts ablesen kann. Die LED im Cockpit sehen billig aus, funktionieren aber, und das muss als Warnsystem eben reichen. Man glaubt es kaum: Die SMC hat eine Traktionskontrolle. Und was für eine: Diese Traktionskontrolle erlaubt Wheelies (!) und sorgt nur dafür, dass der Biker nicht einen Salto rückwärts macht - supercool. Auf der Modellseite von KTM grüßt ein freundlicher Mensch mit Daumen hoch und dem Vorderrad auf Augenhöhe.

Wie von KTM üblich wird der stärkste Einzylinder Welt mit 75 PS verbaut. Er stammt aus der Duke 690 und wird auch in der 690 Enduro R eingesetzt. Dieser Motor macht gleich mal klar, was für ein Wesen er hat. Er ist als Einzylinder eher ein halber V2 als ein halber Twin. Er knattert fröhlich los, aber mit Laufkultur oder anderen Umgangsformen hat er es nicht so. Trotz des großen Hubraums will er zudem gedreht werden. Niedrige Drehzahlen mag er überhaupt nicht, entsprechend mau ist der Durchzug.

Ist er durchs Drehzahltal gewandert, fängt die Sache an Spaß zu machen. Trotz der weit nach vorn gerückten Sitzposition wird die KTM schnell leicht am Vorderrad - und ja, sie geht ernsthaft hoch. Darüber hinaus ist sie superagil zu fahren, dafür wurde sie gemacht. Selten hat man so viel Spaß auf einem Motorrad, zumal die Bremsen trotz nur Einzelscheibe vorn eine Spitzenjob machen.

Fazit: Man will sie mögen, aber einfach ist es nicht

Bekommt sie von uns den Daumen hoch? Schwierige Entscheidung. Denn trotzdem sie im Vergleich zur Konkurrenz die agilste und konsequenteste Supermoto ist, hat sie einfach zu viele Mängel für die meisten Interessenten. Dabei geht es nicht um solche Dinge wie die fehlende Soziustauglichkeit oder den nicht existierenden Windschutz. Über solche Dinge können engagierte KTM SMC R 690-Treiber nur Grinsen, und sie haben recht damit. Fans gibt es übrigens viele: Die Maschine liegt in der aktuellen Zulassungsstatistik auf Platz 15.

Nein, einen großen Nachteil gibt es: Sie liefert in ihrer Paradedisziplin nicht ab, denn wirklich schnell ist sie nur dann, wenn man das Treppenhaus des Hamburger Michel hochfahren möchte. Ansonsten ist da mehr Show als Shine. Wenn der stärkste Einzylinder der Welt nur 75 PS liefert, ist das eben das entscheidende Leistungsmanko im Vergleich zur nicht viel weniger wendigen Ducati Hypermotard mit ihren 114 PS. Das sind über 50% mehr.

Dass Vergleiche mit Ducatis überhaupt auftauchen, liegt an der sportlichen Preispolitik der Österreicher, von der selbst BMW noch etwas lernen könnte. Für die roh ausgestattete SMC R 690 verlangt KTM tatsächlich 10.799 Euro. Zum Vergleich: Der gleiche Motor wird in der 690 Enduro R für ebenfalls 10.799 Euro verbaut, im Naked Bike Duke 690 gibt es ihn für 8.899 Euro.

Motorräder der Marke Ducati gelten eigentlich nicht als Softies. Mag die Hypermotard das im Vergleich zur SMC sein, aber für einen Sitzplatz mehr, die umfangreiche Ausstattung und 114 PS verlangt Ducati 12.490 Euro und damit nur 1.691 Euro mehr.

Aber wahrscheinlich ist das alles nichts für die KTMler. Ja, sie ist die konsequenteste Supermoto auf dem Markt. Und damit ein Statement, wunderbar.

Danke an M.A.S. für das Testbike. 

Preis / Verfügbarkeit / Farben / Baujahre

  • Preis: 10.799€
  • Gebraucht (3 Jahre alt): 8.200€
  • Baujahre: 2012-2016, wieder seit 2017
  • Verfügbarkeit: sehr gut
  • Farben: weiß, orange
open
close

Pro & Kontra

  • Sportlich
  • Unglaublich wendig
  • Preis
  • Alltagsnutzen
Von unserem Team geprüft:

Allgemein

Typ
Supermoto
UVP
11.145 €

Abmessungen

Gewicht
157 kg
zul. Gesamtgewicht
350 kg
Sitzhöhe
890 mm
Radstand
1.470 mm

Fahrleistungen & Reichweite

Tankinhalt
13,5 l
Verbrauch
3,87 l
Reichweite
349 km
Höchstgeschw.
180 km/h

Motor & Kraftübertragung

Motorbauart
1-Zylinder 4-Takt Motor
Zylinderzahl
1
Kühlung
flüssig
Hubraum
690 ccm
Bohrung
105 mm
Hub
80 mm
Leistung
75 PS
8.000 U/Min
Drehmoment
74 NM
6.500 U/Min
Ganganzahl
6
Antrieb
X-Ring Kette

Fahrwerk & Bremsen

Rahmen
Gitterrohr
Chrom-Molybdän
Federung vorn
WP-USD Apex Ø 48 mm
Federweg:
215 mm
Federbein hinten
WP-Federbein
Federweg:
240 mm
Aufhängung hinten
Pro-Lever-Umlenkung
Bremsen vorne
Scheibe, Brembo Vierkolben-Radialfestsattel
320 mm
Reifen vorne
120/70 ZR 17
Bremsen hinten
Scheibe, 1-Kolben-Schwimmsattel
240
Reifen hinten
160/60 ZR 17
ABS
Zweikanal-Antiblockiersystem vom Typ Bosch 9.1 MP inkl. Kurven-ABS mit Supermoto-Modus, abschaltbar