Ducati Multistrada V4 S

Test: Ducati Multistrada V4S (Baujahr 2021)

Multistrada neu gedacht - Fluch oder Segen?

imageFoto: motorradtest.de
Die neue Multistrada bricht mit vielen Dingen, die eine Ducati bislang ausgemacht haben. V2? Nein. Gitterrohr-Rahmen. Nix. Desmodromische Ventilsteuerung? Nö.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist die neue Multistrada jetzt eine noch bessere Alternative zu GS & Co. Unsere Tester Volker und Dietmar sind begeistert und wollen die Maschine gar nicht mehr her geben.

Ducati geht volles Risiko

Ducatisti müssen jetzt ganz tapfer sein. Eine Maschine aus Bologna ohne Desmodromik. Uff. Und auch kein Dampfhammer V2 mehr in der neuen Multi, sondern ein eher kultivierter V4 mit Schlepphebeln. Bevor sich alle hinterm Sofa verkriechen, können wir aber Entwarnung geben: Die neue V4 bzw. V4S ist dennoch ein echte Ducati. Und trotzdem gehen die roten aus Bologna ein gewisses Risiko ein. Bisher waren die Multistradas sehr eigenständige Bikes, die man kaum mit dem Adventure-Bestseller von BMW vergleichen konnte. Zu unterschiedlich war das Gefühl: Ducati sehr sportlich, BMW eher ein Allrounder und mit viel Komfort. Sportlich ist die neue Mulitstrada natürlich immer noch, aber sie fühlt sich jetzt erwachsener an, nicht mehr ganz so verspielt wie die älteren Multistradas. 
 
Ob das nun waschechte Ducati-Fans eher verschreckt oder begeistert, können wir nicht wirklich voraussehen. Wir können nur jedem raten: Macht mal eine Probefahrt auf diesem Geschoss. Sie fährt sich wirklich toll, doch dazu später mehr. Erst einmal gehen wir um die Maschine herum und erfreuen uns an vielen Details unserer sehr gut ausgestatteten Testmaschine mit dem Travel-Paket. Da ist z.B. der edel wirkende Mulistrada-Schriftzug am Lenkerkopf, das V4-Logo in der Sitzbank, das mit einem Finger auch während der Fahrt verstellbare Windschild oder das praktische Handyfach mit USB-Anschluss auf dem Tank.
Ducati Multistrada V4SFoto: motorradtest.de
 
Die Maschine steht vor uns wie ein Statement: Schaut her, ich bin neu, ich bin super. Schon der Blick auf die zweigeteilte, große Sitzbank lässt erahnen, dass sowohl Fahrer-in als auch Sozia/Sozius extrem viel Platz haben werden. Unser Testbike hat vorne und hinten eine Sitzheizung, die der Beifahrer autark mit einem separaten Taster in drei Stufen einstellen kann. Der Fahrer macht dies über das Cockpit. Die Sitzhöhe kann man ohne Werkzeug zwischen 840 und 860 mm umstellen. So können auch kleinere Fahrer die Maschine ohne Probleme rangieren. Das fahrfertige Gewicht von 243 kg fühlt sich auf der neuen Duc leichter an, als es das Datenblatt vermuten lässt. Fazit vor dem Losfahren: Beeindruckende Optik und hoher Sitzkomfort mit aufrechter Sitzposition und einem breiten, alu-konifizierten Lenker: Das riecht nach Spaß und langen Touren ohne Rückenschmerzen. Schaun mer mal.
V4S MotorMultistrada V4S Licht vorneV4S Schwinge

Das soll sie können

Was die technische Ausstattung angeht hat Ducati bei der V4S gegenüber 1260 noch einmal aufgesattelt. Es gibt nun einen adaptiven Tempomaten mit Radar. Dieses System misst den Abstand zum Vordermann und bremst automatisch wenn nötig - und gibt dann auch wieder Gas, wenn die Fahrt frei ist. Mit anderen Worten: Man stellt auf der Autobahn einmal die Geschwindigkeit ein und kann dann ein Buch lesen. Das System funktioniert einwandfrei und ist für längere Etappen tatsächlich ein veritabler Komfortgewinn. Folgende weitere Systeme sind an Bord: 

  • abschaltbares Kurven ABS
  • Ride by Wire und vier konfigurierbare Fahrmodi
  • mehrstufige Traktionskontrolle
  • Wheely-Control
  • Motoransprechverhalten
  • Berganfahrhilfe
  • elektronisches Fahrwerk inkl. automatischer Niveauregulierung

Die Bedienung der Multi V4S fällt trotz dieser Fülle an Features erfreulich intuitiv aus. Klar, man braucht einen Moment, bevor man die Menülogik versteht, aber dann gehen Änderungen z.B. an der Konfiguration der Fahrmodi einfach von der Hand. Jeder Modus kann manuell angepasst werden, wobei uns die Vorkonfigurationen gut gefallen hat. 

Motor

So fährt sie sich

Okay, dann man los. Start per Keyless Go und einfachen Druck auf die Zündung. Die Maschine wird "hochgefahren" und das Cockpit zum Leben erweckt. Bei unserer V4S ist dies übrigens ein 6,5" Farb-TFT (V4: 5 Zoll) mit schwarzem Hintergrund und vielen Anzeigen, ohne dass es verwirrend wird. Druck auf den Anlasser und schon brabbelt der V4 vor sich hin. Obwohl das nicht gerade meine erste Testfahrt mit einem Motorrad ist, bin ich aufgeregt. Das kann nur Ducati, Grande Emozione! 
 
Erst einmal langsam warm fahren. Schön hängt die Duc am Gas, sie fühlt sich überraschend leicht an. Jedenfalls leichter als die 243 kg (fahrfertig), die auf meinem Datenblatt stehen. Sie fühlt sich kompakter an als die 1260 und weniger nervös. Sie ist hervorragend ausbalanciert, keine Kopflastigkeit, kein gewolltes Betonen des Vorderrades. Kein bisschen SuperMoto, volles Programm Reise-Enduro. Dazu passend hat die V4S vorne eine 19 Zoll Felge, welche der Maschine zumindest in Kurven gegenüber der 1260 ein wenig die Sportlichkeit nimmt.
 
Okay, jetzt ist sie warm und ich drehe am Quirl - und falle fast vom Bike. 170 PS sind nicht nur theoretisch viel, sondern auch in der subjektiven Wahrnehmung eine Macht. Was für ein Motor! Ich erwische mich dabei, eher hochtourig unterwegs zu sein, weil das einfach mehr Spaß macht. Dabei kann die V4S durchaus auch niedrigtourig gefahren werden. Kein Kette-Schlagen oder Gerumpel wie bei vielen V2, stattdessen kultivierter Vorwärtsdrang und ein extrem elastische Motor. Das Dampfhammer-Gefühl älterer V2-Multistradas untenrum bleibt zwar aus, ich vermisse es aber auch nicht wirklich. Dazu ist an unserer Testmaschine der butterweiche Quickshifter (Serie bei der V4S) an Bord, der in beide Richtungen ebenfalls hervorragend funktioniert.
 
Multistrada V4SFoto: motorradtest.de
 
Größter Kritikpunkt bei der neuen Duc ist ohne Frage der Verbrauch. Mit 6,5 Litern auf 100 km steht dieser im Datenblatt, was okay wäre. In der Praxis kommt sie allerdings eher auf ca. 8 Liter - was nicht mehr ganz so okay ist. Aber wie immer kann der Fahrer den Verbrauch durch eine entsprechende Fahrweise anpassen. Wer also auf die theoretische Reichweite von 300 km kommen möchte sollte sich eine gelassene Fahrweise aneignen. Was leider fast nicht möglich ist auf dieser Rakete.
 
Passend zum Motor ist auch das Fahrwerk sehr ausgewogen. Die Maschine fühlt sich sehr stabil an, ohne dabei schwerfällig zu wirken. Im Gegenteil: Sie ist wendig und macht genau das, was ich will. Am Kurveneingang einmal die Linie angepeilt und die V4S fährt durch die Kurve wie von alleine. Ich fühle mich auch dank der komfortablen Sitzposition wie der König der (Land)Straße. Dazu passend ist der Lenkeinschlag weit ausgelegt: Man kann extrem enge Kreise fahren - gut fürs Rangieren und für Alpenpässe. 
 

Fazit - was bleibt hängen

Mann, hat das Spaß gebracht! Volker und Dietmar sind sich einig: Ein großer Wurf von Ducati. Die Wettbewerber müssen sich warm anziehen und wir freuen uns schon auf die ersten Vergleichstests mit GS & Co. Ob eingefleischte Ducati-Fans ebenso begeistert sind von der neuen Multistrada wie wir, sei dahingestellt. Objektiv betrachtet ist die neue V4S das bessere Motorrad, aber der eine oder andere wird die 1260er mit dem tollen V2 trotzdem bevorzugen, weil sie klassische Ducati-Tugenden besser repräsentiert als die neue Multi. Insofern polarisiert diese Maschine auch ein wenig, aber das muss sie wohl auch, wenn Ducati in die Top 10 will. Wir glauben, dass die Chance hierfür sehr gut stehen. Man hört von vielen Vorbestellungen, Ducati scheint alles richtig gemacht zu haben. Auguri, Ducati!

Das Testmotorrad haben wir freundlicherweise zur Verfügung gestellt bekommen von Bergmann & Söhne Bremervörde.

Preis/Verfügbarkeit/Farben/Baujahre

  • Preis: ab 20.9900 € (V4S)
  • Verfügbarkeit: ab 02/2021
  • Farben: rot, grau
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Pro & Kontra

  • Hoher Sitzkomfort für Fahrer und Beifahrer
  • Beeindruckender Motor, sportlich und kultiviert
  • Guter Windschutz und leicht verstellbares Windschild
  • Sehr handlich, dabei trotzdem stabiles Fahrverhalten
  • Technisch alles an Bord (gegen Aufpreis), was das Herz begehrt
  • Bremsen, Reifen, Fahrwerk: Alles super
  • Reichweite könnte besser sein
  • Voll ausgestattet kein Schnäppchen
Von unserem Team geprüft:

Allgemein

Typ
Adventure
UVP
20.990 €

Abmessungen

Gewicht
240 kg
zul. Gesamtgewicht
470 kg
Sitzhöhe
840-860 mm
Radstand
1.567 mm

Fahrleistungen & Reichweite

Tankinhalt
22 l
Verbrauch
6,5 l
Reichweite
300 km
Höchstgeschw.
255 km/h

Motor & Kraftübertragung

Motorbauart
V4
Zylinderzahl
4
Kühlung
Flüssig
Hubraum
1.158 ccm
Leistung
170 PS
Drehmoment
125 NM
Ganganzahl
6
Antrieb
Kette

Fahrwerk & Bremsen

Rahmen
Monocoque-Rahmen
Federung vorn
Upside-Down
Federweg:
180 mm
Federbein hinten
Monoshock
Federweg:
180 mm
Aufhängung hinten
Zweiarmschwinge
Bremsen vorne
Doppelscheibe
330 mm
Reifen vorne
120/70-19
Bremsen hinten
Einzelscheibe
265
Reifen hinten
170/60-17
ABS
Kurven-ABS