Test: Ducati Streetfighter V4S (Baujahr 2020)

Ohne Worte

imageAlle Fotos: Motorradtest.de
Tja, wie beschreibt man Sprachlosigkeit? Wenn einem die Worte ob der überfluteten Sinne fehlen? Keine Ahnung, aber wir probieren das einfach mal, denn wir haben ein ganz heißes Eisen getestet: die Ducati Streetfighter V4S.

Ein echter Strassenkämpfer

Die Menschheit, man muss es leider konstatieren, neigt zum Lügen. Das muss gar nicht schlecht sein, im Falle von Notlügen ist es sogar unumgänglich. Und hören wir nicht alle gerne „Ich liebe dich“ oder „Einen Moment bitte, der Kollege kommt gleich“? Unser Testobjekt ist da ein wenig anders. Sie lügt nie: Die Ducati Streetfighter V4S ist eben genau das: ein Straßenkämpfer. An jeder Ampel, in jeder Kurve, einfach überall lauert der Feind. Das Design unterstützt diesen Charakter auf das Trefflichste. Allein schon das vordere V-förmige Leuchtenband. Es lässt sich in zwei Lichtstufen einstellen, wirkt aber in jeder davon wie ein Brenneisen, welches ein V in deine Flanke brennen will. Oder der Lufteinlass hinter dem Vorderrad. Auf den ersten Blick meint man, es diene der Luftzufuhr zu den übereinandergestapelten Kühlern. Tatsächlich aber ist es ein aufgerissener Schlund, der andere aufsaugen will.

Und das, obwohl wir noch keinen Meter gefahren sind. Andächtig schweift der Blick über die Technik. Anders als beim Technikspender, der vollverkleideten Panigale V4, liegt die Pracht und Herrlichkeit offen zutage. Sauber verlegte Schläuche und Leitungen führen lebenswichtige Dinge zum V4-Triebwerk oder davon weg. Das Ganze unterstreicht den mechanischen Charakter der Streetfighter, wie wir gleich erfahren werden.

208 PS leistet das Triebwerk. Klar, das könnte in manchen Situationen (welchen bloß?) ein bisschen zu wenig sein, deshalb hält Ducati noch den Titan-Sportauspuff bereit, der die Leistung auf 220 PS pusht (und 4.831,40 Euro Aufpreis kostet).

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Komplettes Sicherheitspaket

Unser Testbike hatte diesen nicht, sie kostet als S-Variante mit dem Öhlins-Fahrwerk Listenpreis schon 22.990 statt 19.990 Euro für die Normalvariante, aber kleinlich darf man bei Ducati eben nicht sein. Die S-Variante bleibt trotz Monster-Motor mit 199 Kilo knapp unter der Schallmauer von 200 Kilo, an der auch ein voluminöser Beifahrer nichts ändern kann. In unserer Konfiguration ist er nicht vorgesehen, ein Kunststoffteil schließt die Sitzbank ab, Fußrasten fehlen auch.

Dafür fällt uns etwas positiv auf, welches wir bislang nicht unbedingt zur Kernkompetenz von Ducati gezählt hatten: die Bedienung. Zuerst einmal fährt die Duc das komplette Sicherheitspaket auf. Ob Kurven-ABS, Stoppie- und Wheelie-Verhinderer oder aber ein Schleuderschutz mit Traktionskontrolle – die Duc hat alles. Und alles lässt sich in verschiedenen Stufen einstellen, es müssen insgesamt tausende Variationen sein. Wer jetzt mit Schaudern an die überladenen Bedienelemente mancher Bikes denkt, kann entspannen. Ducati ist es allen Ernstes gelungen, dieses schnell und eingängig mit nur zwei Knöpfen zu regeln. Da fragt man sich: Warum machen das nicht alle so?

Bevor wir vernünftig werden, starten wir mal.

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Die Welt ist nicht genug

Sie haben Nachbarn und eigentlich ein ganz gutes Verhältnis zu diesen? Vergessen Sie es, das war gestern. Okay, unsere Duc ist nur nach Euro 4 zertifiziert, aber man fragt sich trotzdem, wie die Italiener die Zulassung für dieses Teil bekommen haben. Nicht nur die schiere Lautstärke schon bei Standgas überrascht, sondern auch der lauernde, immer etwas rotzige, aggressive Klang. Ein Fest für Ducatisti, alle anderen rufen die Polizei. Bevor diese auftaucht, düsen wir mal los. Dass sie in Fahrt noch aggressiver klingt, wundert niemanden mehr, eher schon, wie das hier vorangeht. Abgesehen von seinen Äußerungen ist dies ein Motor, der offensichtlich allerfeinste Manieren hat. Unter 2.000 Touren? Machbar. Im vierten durch die Stadt? Klar. Der erste Gang reicht über 100 km/h, aber trotzdem muss man beim Anfahren nicht mit Gas und Kupplung jonglieren. Übrigens: Wie schon bei der Monster 1200 S überzeugt auch hier der Quickshifter mit gelassenen, sauberen Reaktionen.

Nun haben wir das Pflichtprogramm abgedreht und kommen zu dem, wofür die Ducati Streetfighter V4S eigentlich gebaut ist. Die Welt ist nicht genug für dieses Bike, formulierte ein Tester. Und das stimmt: Was immer man sehen kann, es kommt in Warp-Geschwindigkeit auf dich zu. Unmöglich, dass ein Motorrad so schnell sein kann? Doch, muss sie wohl sein, auch wenn es kaum vorstellbar ist. Die reine Beschleunigung auf 100 ist in klassenüblichen gut drei Sekunden erledigt. Das ist es gar nicht.

Das, was einen hier fassungslos macht, ist das Gesamtkonzept. Auch wenn die Duc im Alltag überzeugt (siehe oben), legt sie im Kampfmodus noch mindestens drei drauf. Unter infernalischem, wütenden Geräusch kämpft sie alles nieder, was ihr nahekommt. Egal bei welcher Drehzahl, der V4 reißt die knapp 200 Kilo nach vorne. Das Ganze geschieht ohne Gedenksekunde, alle, wirklich alle Sinne sind sofort auf Anschlag.

Das Fahrwerk macht dabei einen unauffälligen Job, was das beste Kompliment ist, was man ihm machen kann. Dieses und der Motor werden noch in den Schatten gestellt. Von wem oder was? Der Brembo-Anlage (Stylema M4.30), die dieses Monster jederzeit sicher, kontrolliert und mit ganzer Macht abbremst. Dass die Anlage dabei perfekt dosierbar und mit zwei Fingern zu bedienen ist, macht die Sache bestimmt nicht schlechter.

Alles andere erscheint langsam

Was bleibt? Wer die Ducati Streetfighter V4S ausreizt, wird sprachlos zurückbleiben. Sich an diese Urgewalt zu gewöhnen scheint unmöglich (auf der anderen Seite ist es ebenso unmöglich, beim Auskosten seinen Führerschein zu behalten). Es gibt eine ganze Reihe von Power-Naked-Bikes, wie die KTM Super Dukes, die uns schwer beeindruckt haben. Aber, man muss es ganz klar formulieren: Die Ducati ist nochmal drei Nummern schärfer. Nicht rein von den Fahrleistungen her, sondern vom Gesamtkonzept. Plötzlich erscheint alles, was man bislang gefahren ist, als untermotorisert.

Wer diese winzige Spitze in einer spitzen Zielgruppe sucht, der ist hier goldrichtig. Ducati hat das ultimative Aggro-Bike auf zwei Räder gestellt. Alle anderen sollten sich von der Alltagstauglichkeit nicht blenden lassen: Es ist keine Schande, die Duc nicht zu mögen.

Hm. Eine Schande wäre es nicht, aber schade schon ;)

Das Testbike wurde uns von Ducati Hamburg zur Verfügung gestellt.

Preis / Farben / Baujahre

  • Preis: ab 19.990€
  • Baujahre: seit 2020
  • Farben: rot