








Yamaha Ténéré 700 World Raid im Test
Was kann die große Ténéré besser als die kleine und was ist neu?
Fotos: Motorradtest.de
Für das aktuelle Modelljahr wurde die Maschine spürbar modernisiert: Der bekannte 689-Kubik-CP2-Zweizylinder bleibt erhalten, arbeitet nun aber zeitgemäßer mit Ride-by-Wire und erfüllt die aktuelle Euro-5+-Norm. Dazu kommen ein erweitertes Elektronikpaket, ein überarbeitetes Fahrwerk und zahlreiche Detailverbesserungen bei Ergonomie und Alltagstauglichkeit. Genau diese Mischung aus klassischer Ténéré-DNA und moderner Technik macht die neue World Raid so spannend.
Groß, größer, Ténéré World Raid
Optisch bleibt die Ténéré 700 World Raid sofort als Reiseenduro mit ernsthaftem Fernweh-Faktor erkennbar. Die hoch aufragende Front, der rallyeartige Aufbau und der markante Doppel-Tank prägen den Auftritt. Gerade dieser Tank ist nicht bloß ein Stilmittel, sondern einer der Kernpunkte des gesamten Konzepts. Yamaha setzt auf zwei seitlich angeordnete, miteinander verbundene Aluminiumtanks mit zusammen 23 Litern Volumen.
Die Ergonomie der World Raid ist klar auf lange Distanzen und aktives Fahren ausgelegt. Die Sitzhöhe von etwa 890 Millimetern signalisiert bereits, dass hier keine niedrigschwellige Einsteiger-Reiseenduro wartet. Große Fahrer profitieren von viel Bewegungsfreiheit, einem offenen Kniewinkel und einer aufrechten, entspannten Sitzposition. Im Stehen lässt sich die Yamaha ebenfalls überzeugend bewegen, was für Offroad-Passagen entscheidend ist.
Yamaha hat die Ergonomie des neuen Modells dennoch zugänglicher gestaltet, unter anderem durch eine schmalere Frontpartie der Sitzbank und eine überarbeitete Tank-Sitzbank-Linie. Das hilft beim Bodenkontakt, ändert aber nichts daran, dass kleinere Fahrerinnen und Fahrer die World Raid als hoch und voluminös empfinden dürften. Hinzu kommt die Breite des Doppeltanks, die zwar konstruktiv sinnvoll ist, bei sehr aktivem Offroad-Fahren aber etwas Bewegungsfreiheit kosten kann.
Auf langen Etappen wiederum spielt die World Raid ihre Stärken aus: Die Sitzposition bleibt entspannt, das Motorrad vermittelt Stabilität und die hohe Reichweite reduziert Reisetempo aus dem Zwang heraus, ständig nach der nächsten Tankmöglichkeit schauen zu müssen. Der Windschutz ist ordentlich, aber nicht überragend; auf Autobahnetappen bleibt die Yamaha eher eine robuste Reiseenduro als ein luxuriöser Kilometerfresser.
So sitzt man auf der Yamaha Ténéré World Raid 700: Sehr hoch, sehr souverän, sehr erhaben.
Technische Ausstattung
Die größte Veränderung gegenüber früheren World-Raid-Jahrgängen liegt in der Elektronik. Yamaha spendiert der Maschine nun ein deutlich moderneres Paket mit 6-Achsen-IMU, Kurven-ABS, Traktionskontrolle, Slide-Control-Funktion, verschiedenen Fahrmodi und Tempomat. Hinzu kommt ein vertikales TFT-Display mit Konnektivitäts- und Navigationsfunktionen.
Diese Aufrüstung ist aus zwei Gründen interessant. Erstens schließt Yamaha damit zu den Erwartungen moderner Adventure-Kunden auf, die heute selbst in der Mittelklasse nicht mehr auf sinnvolle Assistenzsysteme verzichten wollen. Zweitens gelingt es der World Raid trotz dieser digitalen Erweiterungen, ihren kernigen Charakter zu bewahren. Die Systeme wirken nicht wie eine sterile Schicht zwischen Fahrer und Maschine, sondern eher wie eine anpassbare Sicherheitsreserve. Gerade auf wechselndem Untergrund ist es hilfreich, ABS und Traktionskontrolle situationsgerecht zu konfigurieren oder teilweise zu reduzieren.
Auch der Tempomat ist auf langen Landstraßen- und Autobahnetappen ein echter Komfortgewinn. Die Bedienung über die neue Lenkerarmatur und das TFT wirkt insgesamt zeitgemäß. Puristen mögen bedauern, dass die Ténéré damit ein Stück ihrer kompromisslosen Einfachheit verliert. Aus praktischer Sicht ist die Modernisierung jedoch sinnvoll und dürfte die Alltagstauglichkeit sowie die aktive Sicherheit deutlich erhöhen.
Endschalldämpfer mit typischen, dumpfen Zweizylidner-Klang. Sehr passend zum Bike.
Motor und Antrieb: bekannter CP2, jetzt moderner eingebunden
Im Herzen der World Raid arbeitet weiterhin der CP2-Reihenzweizylinder mit 689 Kubikzentimetern Hubraum. Mit rund 73,4 PS bei 9.000 U/min und 68 Nm bei 6.500 U/min gehört der Motor nicht zu den Leistungsriesen des Segments, doch das war nie sein Anspruch. Seine Stärke liegt in der linearen, gut dosierbaren Kraftentfaltung und in seinem ausgesprochen alltagstauglichen Charakter. Der Motor schiebt aus dem mittleren Drehzahlbereich sauber an, dreht willig hoch und vermittelt genau jene Art von Kontrolle, die auf Schotter, in engen Kehren oder auf langen Verbindungsstrecken besonders wertvoll ist. Für das neue Modelljahr hat Yamaha die Technik rund um das Triebwerk modernisiert.
Fahrwerk und Handling: Stabilität mit Offroad-Reserve
Einer der wichtigsten Gründe, überhaupt zur World Raid statt zur normalen Ténéré zu greifen, ist das hochwertigere und langhubigere Fahrwerk. Vorn arbeitet eine voll einstellbare 46-Millimeter-KYB-Upside-down-Gabel mit 230 Millimetern Federweg, hinten ein ebenfalls voll einstellbares Federbein mit 220 Millimetern Federweg. Dazu kommt ein Lenkungsdämpfer, der die Stabilität bei höherem Tempo auf losem Untergrund verbessert. In der Praxis ergibt sich daraus ein Motorrad, das rauen Untergrund sehr gelassen wegsteckt. Waschbrettpisten, Schlaglöcher, grober Schotter oder schlechte Landstraßen bringen die Yamaha deutlich weniger aus der Ruhe, als man es von einer eher straßenorientierten Reiseenduro erwarten würde.
Gleichzeitig bleibt sie auf Asphalt erstaunlich präzise und neutral, solange man ihren langen Federweg und die 21-/18-Zoll-Radkombination im Hinterkopf behält. Sie fährt sich nicht nervös-sportlich, sondern souverän und gelassen. Gerade das macht sie auf langen Reisen angenehm: Die Maschine vermittelt Ruhe, ohne träge zu werden. Das fahrfertige Gewicht von rund 220 Kilogramm ist dabei zwar spürbar, wird aber durch die gelungene Balance und die saubere Rückmeldung des Fahrwerks gut kaschiert.

Fahreindruck: souverän auf Tour, überzeugend auf Schotter
Auf der Straße präsentiert sich die Yamaha Ténéré 700 World Raid als angenehm unaufgeregte Reiseenduro. Sie lädt nicht dazu ein, jeden Kilometer im Angriffsmodus zu fahren, sondern punktet mit Übersicht, Stabilität und gut kontrollierbarem Vortrieb. Der CP2-Motor harmoniert mit diesem Wesen hervorragend. Er liefert genügend Druck für Überholmanöver, bleibt auf kurvigen Landstraßen lebendig und wirkt nie überfordernd. In schnellen Kurven vermittelt das Motorrad viel Vertrauen, solange man seine hohe Bauweise und das 21-Zoll-Vorderrad respektiert.
Die Brembo-Bremsanlage arbeitet solide, und die elektronischen Helfer erhöhen gerade bei Nässe oder wechselnden Bedingungen die Sicherheitsreserven. Richtig zu Hause fühlt sich die World Raid aber dort, wo der Asphalt endet. Auf Schotterpisten zeigt sie, warum sie nicht bloß eine dekorative Adventure-Maschine ist. Das Fahrwerk spricht sensibel an, bietet große Reserven und hilft dabei, auch rauere Passagen mit Tempo und Kontrolle zu bewältigen. Die aufrechte Ergonomie, die gute Übersicht und die berechenbare Leistungsentfaltung machen das Fahren im Stehen leicht zugänglich.
Die World Raid verlangt dennoch Respekt: Ihr Gewicht und die Größe verschwinden nicht völlig, und im technisch engen Gelände braucht es Kraft, Erfahrung und saubere Linienwahl. Für schnelle Schotteretappen, Fernreisen mit unbefestigten Anteilen und anspruchsvolle Feldwege ist sie hingegen hervorragend geeignet. Sie fühlt sich dabei nie fragil oder überzüchtet an, sondern genau so, wie eine robuste Reiseenduro wirken sollte.
Kritikpunkte: nicht die perfekte Lösung für jeden Anspruch
So überzeugend das Gesamtpaket ist, die World Raid bleibt ein Spezialist mit klaren Kompromissen. Der vielleicht wichtigste Kritikpunkt ist ihre physische Präsenz. Die Kombination aus hoher Sitzposition, breitem Tank und stattlichem Gewicht macht sie für kleinere oder weniger erfahrene Fahrer weniger zugänglich. Wer vor allem kurze Touren fährt, selten Gepäck mitnimmt und nur gelegentlich Schotter sieht, wird mit der Standard-Ténéré vermutlich glücklicher – und meist auch agiler unterwegs sein. Hinzu kommt, dass der üppige Doppeltank zwar Reichweite schenkt, aber eben auch die Ergonomie beeinflusst. Im harten Offroad-Einsatz kann die Tankbreite stören, wenn sehr viel Bewegungsfreiheit gefragt ist.
Auf der Straße wiederum bleibt der Komfort trotz verbesserter Ausstattung eher funktional als luxuriös. Wer maximalen Windschutz, viel Soziuskomfort und asphaltorientierte Bequemlichkeit sucht, findet in anderen Reiseenduros bzw. Adventure-Bikes bessere Optionen. Außerdem lässt sich argumentieren, dass ein Teil des ursprünglichen Ténéré-Charmes gerade in der mechanischen Reduktion lag. Die neue Elektronik macht das Motorrad objektiv vielseitiger, subjektiv aber auch ein wenig weniger puristisch. Ob man das als Fortschritt oder als Verlust wahrnimmt, hängt stark vom eigenen Fahrprofil ab.
Technischer Steckbrief
- Motor: 689 cm³ CP2-Reihenzweizylinder
- Leistung: ca. 73,4 PS
- Drehmoment: 68 Nm
- Getriebe: 6-Gang
- Tankinhalt: 23 Liter
- Verbrauch laut Hersteller: etwa 4,3 l/100 km
- Mögliche Reichweite: rund 500 bis 535 km
- Fahrwerk vorn/hinten: KYB, 230 mm / 220 mm Federweg
- Sitzhöhe: ca. 890 mm
- Fahrfertiges Gewicht: 220 kg
- Elektronik: Ride-by-Wire, Fahrmodi, Kurven-ABS, Traktionskontrolle, Tempomat, TFT-Display mit Konnektivität
- Garantie: 5 Jahre
- Service: alle 10.000 Kilometer oder einmal pro Jahr
Fazit
Die neue Yamaha Ténéré 700 World Raid ist eine konsequent weiterentwickelte Reiseenduro für Fahrerinnen und Fahrer, die tatsächlich weit fahren wollen – und zwar nicht nur auf Asphalt. Ihr größter Trumpf bleibt die stimmige Verbindung aus großer Reichweite, robustem Fahrwerk, kontrollierbarem CP2-Motor und echtem Offroad-Nutzwert. Dass Yamaha das Modell nun mit moderner Elektronik, Ride-by-Wire, Tempomat und IMU-gestützten Assistenzsystemen aufwertet, macht die Maschine alltagstauglicher und sicherer, ohne ihren Grundcharakter vollständig zu verwässern.
Gleichzeitig bleibt sie ein Motorrad mit klarer Haltung: hoch, präsent, funktional und bewusst weniger bequem als schwere Reise-Tourer mit Asphaltfokus. Genau darin liegt aber auch ihre Stärke. Die World Raid ist kein weichgespülter Kompromiss, sondern ein ernst gemeintes Adventure-Bike für lange Distanzen, schlechte Wege und Menschen, die lieber Horizonte als Stadtgrenzen anpeilen. Wer genau so ein Motorrad sucht, findet in der aktuellen Ténéré 700 World Raid eines der spannendsten und glaubwürdigsten Angebote der Mittelklasse.
Das Testbike wurde uns freundlicherweise von Motorrad Ruser in Haseldorf für diesen Test zur Verfügung gestellt. Dort stehen die neue World Raid sowie die Standard T7 als Vorführer und freuen sich auf Probefahrer. Die Strecken rund um Haseldorf eignen sich perfekt für eine ausgiebige Proberunde, also auf gehts zu Motorrad Ruser.
Preis/Verfügbarkeit/Farben/Baujahre
- Preis: 13.699 €
- Gebraucht (3 Jahre alt): 10.000€
- Baujahre: 2022 - heute
- Farben: weißrot, schwarz












































